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Projektjahr Waldkindergarten
G. Kläui-Schaub und M. Risch 5. Januar 2001
Evaluation / Erfahrungen aus Elternsicht 2001
Eine Schlussauswertung des Projektjahres mit den Eltern war uns sehr wichtig. Daher erarbeiteten wir einen Auswertungsbogen zu den folgenden drei Bereichen:
- Erfahrungsbereich des Kindes
- Elternzusammenarbeit
- Organisatorisches
Die Rückmeldungen haben uns geholfen, unsere Sichtweise zu überprüfen, neue Aspekte zu sehen und in unsere Weiterarbeit mit den Kindern und Eltern einfliessen zu lassen. Ausserdem hat uns das sehr positive Feedback neuen Schwung für das zweite Jahr Waldkindergarten gegeben.
Im Folgenden werden die Rückmeldungen ausgewählt wiedergegeben.
Erfahrungsbereich des Kindes
Wie erlebten Sie ihr Kind nach einem Vormittag im Waldkindergarten? (Stimmung, was erzählt es, Müdigkeit,....)
A) im Sommer
B) im Winter
- Die Eltern nahmen zwischen Sommer und Winter keine grossen Unterschiede wahr. Die meisten Kinder kamen jeweils ausgeglichen und fröhlich nach Hause. Einige berichteten dann viel und begeistert von den Erlebnissen, andere wiederum sehr wenig.
Dennoch stellten wir folgende Tendenz fest:
- Die Müdigkeit der Kinder verstärkte sich im Sommer, am Ende der Woche und vor den Ferien.
Gab es Unterschiede zwischen
A) dem Erleben der Vormittage am Anfang und am Ende des Schuljahres?
- Zu diesem Punkt gab es wenig einheitliche Erfahrungen. Einige nahmen nur geringe Veränderungen wahr, andere stellten folgende Unterschiede fest:
- Veränderung der Erzähl- und Singlust
- Zunahme der Ausgeglichenheit, Abnahme der Müdigkeit
- Verstärkte Mühe um am Morgen aufzustehen
- Mehr Gelassenheit beim Weggehen von zu Hause
B) den Vormittagen draussen und den wöchentlichen Nachmittagen drinnen?
- Die meisten Kinder freuen sich auf den Nachmittag im Kindergartenraum, da er für sie Abwechslung bringt.
C) (Frage für Baumzwerge) dem 1. Jahr im Regelkindergarten und dem 2. Jahr im Wald?
- Einige Baumzwerge besuchten den Waldkindergarten gleich gern wie den Regelkindergarten, einige kamen sogar lieber in den Wald.
- Ein Kind war viel zufriedener in der Natur, obwohl die Lehrperson die selbe geblieben ist.
Hat der Waldkindergarten Auswirkungen auf
A) das Verhalten und Spiel des Kindes?
- Ein paar Kinder haben gelernt, sich selber zu beschäftigen und sich zurück-zuziehen.
- Viele haben das gemeinsame Spiel entdeckt und somit ihre Sozialkompetenz erweitert.
- Sie sind nicht mehr auf eine Person fixiert und haben mehr Freunde gefunden.
- Einige Eltern erwähnten, dass die Kinder häufiger mit Naturmaterialien und wertlosem Material spielten.
B) die gesamte Entwicklung des Kindes?
- Die Eltern nahmen grosse Fortschritte in der Grobmotorik bei Ihren Kindern wahr. (Geschicklichkeit beim Klettern, Ausdauer, Gleichgewicht,...)
C) die Wertschätzung und Kenntnisse der Natur?
- Das Interesse der Kinder an der Natur ist grösser geworden.
- Sie haben vermehrt beobachtet und fühlten sich wohl im Wald.
- Sie lernten einige Pflanzennamen oder was man mit einigen Kräutern herstellen kann.
- Die Wertschätzung und der sorgsame Umgang mit der Natur wurde nur bei einem Kind positiv erwähnt.
D) auf die Familie?
- Die grösste Auswirkung war offenbar der Mehraufwand beim Waschen,....
- Es ergaben sich interessante Gespräche mit Bekannten.
- Viel mitgebrachtes Sammelgut (Sträusschen, Erdkugeln, Stecken,...)
- Die enge Beziehung des Kindes zur Natur wird von der Familie geschätzt.
- Bei einer Familie dauert der Spaziergang nun viel länger.
- Spätes Mittagessen
E) die Gesundheit des Kindes? (Wie oft hatte Ihr Kind Zecken, Krankheiten....?)
- Vier Kinder hatten Zecken vom Waldkindergarten.
- Die Eltern schätzten die Gesundheit der Kinder am Ende des Waldkindergartens gleich gut bis eindeutig besser als vorher ein.
- Ein Kind hingegen hatte oft Bauchschmerzen und Durchfall.
Elternzusammenarbeit
War die Elterninformation genügend und rechtzeitig?
- Ja, die Eltern waren zufrieden mit der Information und freuten, wenn sie jeweils die Lieder zum aktuellen Thema erhielten.
Wie erlebten sie die Art, Häufigkeit und Zeitpunkt der gemeinsamen Elternanlässe?
- Die Häufigkeit und Art der Veranstaltungen wurde von allen sehr geschätzt.
- Eine Rückmeldung wies uns darauf hin, dass sie meist am selben Wochentag stattfanden, was zu organisatorischen Problemen führte.
Wie war für Sie die persönliche Zusammenarbeit mit den Kindergärtnerinnen?
- Die Zusammenarbeit wurde sehr positiv bewertet, das Verhältnis als offen wahrgenommen.
Organisatorisches
Gibt es Probleme, weil räumlich Vieles weit auseinander stattfindet? (Freunde/ Kindergartenraum/ Schulbus/ Elternkontakte)
- Grundsätzlich war die Distanz kein Problem, es brauchte jedoch mehr Organisation. Tendenziell waren die Kontakte (z.B. ohne Auto) etwas schwieriger und weniger spontan.
- Jemand erwähnte es als positiv, dass sie durch den Waldkiga Leute aus andern Dorfteilen kennenlernten.
- Die Zuverlässigkeit des Schulbusses wurde leicht bemängelt. Ausserdem wurden z.T. Kinder im Bus von Schülern ausgelacht.
Weitere Anmerkungen / Wünsche
Wünsche der Eltern:
- Videoaufnahmen des Waldkindergarten
- Straffere Regeln im Umgang der Kinder untereinander
- Bessere Koordination beim Schulübertritt
- Vermehrte Information über den Entwicklungsstand des Kindes
Viele Eltern dankten für den Einsatz der Kindergärtnerinnen und erwähnten ihre grosse Zufriedenheit mit der Wahl des Waldkindergartens.
Pädagogische Auswertung
Unter diesem Titel fassen wir unsere Beobachtungen in den verschiedenen Entwicklungsbereichen der Kinder zusammen. Wir beschränken uns auf jene, die wir als besonders wichtig erachten, die uns überrascht oder erstaunt haben.
Sprachliche Entwicklung
- Die Kinder unterhalten sich auf dem Weg in den Wald oft über viele verschiedene Dinge, sie erzählen einander spontan und ausführlich von ihren Erlebnissen zu Hause, wo sie am Vortag waren oder mit wem sie gespielt haben. Das liegt vermutlich daran, dass die Kinder Zeit haben und oft nichts anderes im Vordergrund steht.
- Da die Kinder fast ausschliesslich mit unstrukturiertem Material spielen, müssen sie es für Rollenspiele zuerst definieren, wenn sie miteinander spielen. (z.B. De Stäcke wär jetzt en Zauberstab Meinsch dä langi da?). Dadurch lernen sie, sich zu erklären, einander zuzuhören, nachzufragen.
- Die Kinder erleben zum Teil zum ersten Mal, wie laut ihre Stimme klingen kann, wenn sie im Wald schreien und laut rufen dürfen. So haben wir bei einem Kind beobachtet, dass es danach um einiges freier und selbstbewusster aufgetreten ist.
Soziale Entwicklung
- Es gibt vermutlich nicht weniger Konflikte als im Regelkindergarten. Obwohl genügend Spiel(natur)material für alle vorhanden ist, können sich Kinder um einen bestimmten Stecken erbittert streiten. Durch die grosse räumliche Freiheit tragen die Kinder Konflikte häufig mit Körpereinsatz oder/und lautstark aus. Es ist also auch im Waldkindergarten eine zentrale Aufgabe, den Kindern bei der Konfliktlösung beizustehen, mit ihnen mögliche Lösungen zu finden und ihnen konstruktive Wege aufzuzeigen.
- Weil es die Umgebung manchmal verlangt, erfahren die Kinder, dass sie gewisse Schwierigkeiten nur gemeinsam überwinden können (z.B. schwere Dinge zu tragen oder zu ziehen).
- An den Gruppenplätzen existieren keine festen Spielplätze wie Bauecke oder Puppenecke. Die Kinder strukturieren den grossen Raum selber und spielen dann teilweise problemlos in sehr grossen Gruppen.
- Indem sie sich täglich im Kreis besammeln und in der Zweierreihe heim-spazieren, lernen die Kinder, tolerant zu sein und allen Kindern die Hand zu reichen.
Mädchen und Knaben, Grosse und Kleine durchmischen sich beim Spielen. Die Kinder üben so den Umgang in heterogenen Kleingruppen.
- Die Kinder tragen Verantwortung für einander, sie holen Hilfe, wenn einem Kind etwas fehlt.
Kognitive Entwicklung
- Die Kinder erleben, wie z.B. Nussbäume, Apfelbäume und Pflanzen blühen und ruhen, wie Früchte wachsen und reifen. Sie spüren den Rhythmus der Natur und im Verlauf des Jahres wird ihnen klar, wie die Jahreszeiten heissen und in welcher Reihenfolge sie aufeinander folgen.
- Gegen Ende des Schuljahres haben die Kinder vermehrt in Bestimmungsbüchern geblättert und konkret Insekten darin zu bestimmen versucht. Mit Lupenbüchsli haben sie fasziniert Kleinlebewesen gefangen und beobachtet.
- Die Kinder stellen oft konkrete Fragen, z.B. wächst das Gras wieder nach, wenn ich es abschneide? Wie heisst diese Blume in meinem Strauss?
Anfassen Fragen Verstehen.
- Im Wald erleben die Kinder viele physikalischen Gesetze aus erster Hand, wie z.B. welche Materialien im Bach schwimmen und welche brennen oder wie das Hebelgesetz beim Ausgraben von Steinen funktioniert.
- Da jeden Morgen ein anderes Kind alle Kinder zählt, haben alle gut zählen gelernt.
Kreativität
- Einige Kinder lieben es, Lieder über Wald, Pflanzen und Erlebnisse zu dichten und vorzutragen.
- Zu Beginn spielten wir Kindergärtnerinnen mit gewöhnlichen Tannzapfen eine kleine Zwergengeschichte. Seither werden die verschiedensten Naturmaterialien zu Zwergen. Manchmal werden sie auch Mäuse oder andere Tiere, welche die Kinder für ihr Spiel gerade brauchen.
Motorik
- Beim Baumklettern, am Abhang hochklettern und auf den Leiterwagen klettern, können bei den meisten Kindern laufend Fortschritte in den Bewegungsabläufen und damit wachsende Sicherheit beobachtet werden.
- Die Kinder fallen auf unebenem sowie rutschigem Gelände deutlich weniger hin als zu Beginn des Schuljahres. Sie rennen sogar in steilem Gelände mit viel Astmaterial auf dem Boden.
Viele Kinder entwickeln bei Fangspielen eine enorme Schnelligkeit und Wendigkeit.
- Beim Sägen, Schnitzen, Schleifen, Lehmen, Bohren, Zeichnen, Knüpfen, beim Schneiden von Gras, Pflücken Blumen, Fangen von kleinen Tieren etc. üben die Kinder ihre feinmotorischen Fertigkeiten häufig und spielerisch.
Wahrnehmung
- Die Kinder erleben oft oben und unten, hinten und vorne. Sie können sich orientieren im grossen Raum, in welchem wir uns täglich bewegen. Sie kennen sich rund um die Gruppenplätze aus und würden den Weg in den Wald alleine finden.
- Ziehen und Stossen schwerer Gegenstände stellt eine reale Herausforderung dar und ermöglicht den Kindern, verschiedene Widerstände zu erleben.
- Die Kinder sind in allen Körperlagen (klettern, rollen, balancieren usw.) in Kontakt mit verschiedenem Material in verschiedener Temperatur und von verschiedenem Geruch, was ihre Ganzkörperwahrnehmung intensiviert und die Begriffsbildung fördert.
- Es ist manchmal unglaublich, wie und wo die Kinder die vielen kleinen, gut getarnten Tiere entdecken. Die visuelle Wahrnehmung wird durch die vielfältigen natürlichen Materialien in unterschiedlichen Formen und Farbnuancen stark gefördert.
- Beim Zuhören von Geschichten kann sich diese Kindergruppe enorm gut konzentrieren.
Selbstkompetenz und emotionale Entwicklung
- Die Kinder lernen, die Verantwortung für ihren Rucksack zu übernehmen, ihn selbständig zu packen, zu öffnen und zu tragen.
- Mit der Zeit lernen die Kinder, wann sie zu warm oder zu kalt haben, etwas aus- oder anziehen möchten und wie sie diese Bedürfnisse anmelden können. Viele lernen, sich selbständig etwas an- oder auszuziehen. Auch andere Befindlichkeiten, wie Müdigkeit, erleben sie oft und lernen, diese auszudrücken und damit umzugehen.
- Der Weg in den Wald ist für die Kinder am Anfang lang und erfordert Ausdauer. Mit der Zeit ist er eine Selbstverständlichkeit, die Kinder meistern ihn ohne Probleme und werden weniger schnell müde.
- Beim Feuermachen lernen die Kinder den Umgang mit einem gefährlichen Element. Sie trauen sich zu, Zündhölzer anzuzünden, wissen jedoch um die Gefahr des Feuers.
- Gegen Ende des Schuljahres, bewegen sich die Kinder mit viel Sicherheit in den vertrauten Waldstücken und entfernen sich viel weiter vom Platz als zu Beginn.
Unsere Gruppenplätze und ihre Wirkung auf das Freispiel
Bis Mitte November weilten wir am Sommerplatz. Die meisten Kinder fühlten sich bald wohl, sie wussten, wo die Hände gewaschen werden und wo sie ihre Rucksäcke und Leuchtstreifen deponieren können.
Langsam gestalteten die Kinder verschiedene Spielplätze wie: Zwergenhäuser bei Wurzelstöcken, eine Wippe, Hütten aus Ästen und Hürden. Der Platz erwies sich dabei als sehr reich an Material. Einige Kinder bauten zu ihrem Baumfreund, den jedes Kind für sich auswählte, eine besondere Beziehung auf. Die Kinder entfernten sich nie zu weit vom Waldsofa und wir mussten keine Grenzen einführen. Da der Platz etwas abseits von Spazierwegen liegt, hatten wir nie Probleme mit Vandalismus.
Im November wechselten wir den Gruppenplatz und zogen ins frisch gebaute Winterwaldsofa ein. Obwohl die Hälfte des Weges derselbe blieb, fiel uns der Wechsel an den neuen Platz nicht ganz leicht. Einige Kinder sagten klar, dass sie lieber am alten Platz bleiben würden und die Kindergruppe war durch die räumlichen und organisatorischen Veränderungen etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Dies drückte sich in Unruhe und häufigeren Konflikten aus. Das Einleben am neuen Ort beinhaltete das Entwickeln neuer Abläufe und Regeln, das Entdecken neuer Spielorte und das erneute Einrichten der Waschstelle, des Tisches, usw. Neu mussten wir den Leiterwagen oben am Weg stehen lassen und unser Material mit Hilfe der Kinder täglich die Böschung hinuntertragen, was nach einiger Zeit für die Kinder zur Selbstverständlichkeit wurde. Der neue Platz bot den Kindern vor allem folgende neue Spielmöglichkeiten: rutschen, am Waldrand auf Bäume klettern, Steine ausgraben.
Zwischen Februar und April war der Boden sehr schlammig und rutschig, die Kinder kehrten oft sehr dreckig zum Schulhaus zurück, wo wir sie teilweise abspritzten.
In den Sport- und Frühlingsferien hatten Unbekannte unseren Tisch, verschie-dene Ablageflächen und einen gestalteten Märliplatz aus Stroh verbrannt und eine grosse Brandstelle hinterlassen. Ausserdem wurde einmal die Plane zerschnitten. Die Kinder waren sehr betroffen und wütend. Dadurch wurde die Verbundenheit mit dem Platz sehr deutlich.
Im Frühjahr fragten die Kinder einige Male nach dem alten Platz. Als wir im späten Winter mit dem Förster in der Nähe des alten Platzes junge Eichen pflanzten, besuchten wir ihn. Dabei waren zwei Dinge sehr spannend; zum einen das Gefühl von uns Kindergärtnerinnen, als würden wir heimkommen, zum anderen die Beobachtung, wie die meisten Kinder sofort vertieft an verschiedenen Orten zu spielen begannen. Für die Kinder war es auch sonnenklar, dass wir im Sommer wieder dort Kindergarten haben würden.
Im Mai wurde es uns am Winterplatz wegen dem geschlossenen Blätterdach und den hohen Waldsofamauern zu dunkel. Daher wechselten wir wirklich wieder zurück an den Sommerplatz.
Die Kinder zog es sogleich an ihre bekannten Spielorte. Doch schon nach ein, zwei Tagen suchten sie sich zusätzlich neue Spielplätze. Interessant war, dass sie sich jetzt viel weiter vom Waldsofa entfernten als im ersten Quartal. Die Kinder spielten oft in grossen und kleinen Gruppen intensive Rollenspiele in den gebauten Hütten, brauten Hexensuppen und bepflanzten Gärtchen.
In den letzten Wochen vor den Sommerferien bauten sie nochmals intensiv neue Hütten, fingen Heuschrecken und andere Kleinlebewesen, blätterten in Bestim-mungsbüchern, gruben nach Edelsteinen, zersägten als Förster dicke Äste, schaukelten in der Hängematte oder auf der Seilschaukel und kletterten an der neuen Strickleiter in die Höhe.
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